Zukunftsfabrik

Schluss mit dem Analog-Egoismus

DeathtoStock_CreativeSpace10 11.45.06 AM

Durch die Einbindung des Internets in alle möglichen Dinge bekommt die Digitalisierung eine neue Wendung. Was gemeinhin als “Digitale Transformation” bezeichnet wird, ist in Wahrheit nur ein Schritt in der Evolution der digitalen Infrastruktur, dem Internet. Erst kamen die Computer, einige Jahrzehnte später folgte das weltweite Netz, dann wurden unsere Handys smart und schlussendlich werden nun unsere Autos, Uhren und Kleidungsstücke vernetzt. Schlussendlich? Nein, das ist sicher nicht das Ende einer sogenannten Transformation.

Die Möglichkeiten wachsen Tag für Tag weiter und damit die Anforderungen an Produkte und Abläufe. Zugleich entsteht in jedem von uns die Erwartungshaltung, dass plötzlich auftretende Probleme auf Reisen, beim Einkauf oder in anderen Situationen zu jedem Zeitpunkt durch irgendeine App gelöst werden können. Alles soll einfach sein, überall verfügbar und (Daten-)sicher.
In dieser Welt der schnellen Evolution ist Flexibilität der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Ökosysteme aus kleinen Bausteinen ersetzen gefestigte, stabile Strukturen. Ein Baukastensystem, in dem kompakte Apps zu immer neuen Angeboten zusammengefügt werden. Ein System, das über technische Schnittstellen auch für Dritte zugänglich ist und sich so an neuartige smarte Services anbinden lässt.

Was heißt das für mich?

Zum diesem Thema haben wir vor kurzem auch eine Präsentation auf Slideshare veröffentlicht. Darin skizzieren wir am Beispiel von Hallo Pizza einige Ideen, wie sich Lieferdienste durch die Digitalisierung weiterentwickeln könnten. Zugegeben, eine schön gemalte Welt, in der hungrige, aber unentschlossene Besteller auch Speisen anderer Anbieter über den Lieferservice des Pizzashuttles ordern können. Reine Fiktion, aber wäre es nicht großartig: “Zwei mal Margherita und die Nummer 31 vom Lieblingsasiaten.”

Was hab ich davon?

Die Frage ist natürlich legitim: Wie könnten Hallo Pizza, Joey’s Pizza oder andere Lieferdienste von einem solchen Service profitieren? Beantworten wir sie am Beispiel Amazon. Dort hat man bereits vor Jahren begonnen, sein Ökosystem in Form von smarten Services zu öffnen. Logistik, Server und auch die Handelsplattform können bei dem Handelsriesen durch Dritte genutzt werden. Man nennt es “Other Services” und erwirtschaftet damit ein Beibrot von jährlich rund 5 Milliarden US Dollar.

Dass Wachstum dank digitaler Ökosysteme auch deutlich beschleunigt werden kann, zeigt Slack, ein US-Startup, das die Kommunikation am Arbeitsplatz vereinfacht. Nach einer geschlossenen Testphase, wurde es im Februar 2014 öffentlich zugänglich. Ein Jahr später, im Februar 2015, hat Slack 500.000 aktive Nutzer, davon 135.000 zahlende Kunden. Nach nur einem Jahr erwirtschaftete das Startup bereits einen Umsatz von 12 Mio. USD. Dabei ist es im Kern nichts weiter, als eine Weiterentwicklung des Chats. Ein Chat, mit Funktionen, die es beim Konkurrenzprodukt HipChat ebenfalls gibt.

Was ist also der Unterschied? Slack ist massiv vernetzt. Es bietet eine technische Schnittstelle, über die Informationen mit aktuell knapp 80 weiteren Online-Tools ausgetauscht werden können. Auf diese Weise werden beispielsweise Dateien mit Dropbox synchronisiert oder To-dos in Trello aktualisiert. HipChat hat diese Integrationen übrigens vor einigen Monaten nachgezogen und bietet vergleichbare Optionen – leider zu spät.

Slack richtet sich zwar an Programmierer, wird jedoch künftig sicher auch andere Bereiche erschließen. So wie Slack gibt es hunderte Beispiele erfolgreicher Startups, die mit offenen Schnittstellen zu digitalen Ökosystemen zusammengesteckt werden können. Sie verbinden Cloud-Datenspeicher mit CRM-Tools und Social-Media-Kanälen. Damit diese Verbindungen immer einfacher werden, entstehen Meta-Plattformen wie Zapier.

Das Online-Tool verbindet über 400 Onlinedienste mit wenigen Klicks. Gewinnt zum Beispiel ein Vertriebsmitarbeiter einen Auftrag, bestätigt diesen in seiner Arbeitsumgebung von Salesforce, werden automatisch To-dos für den zuständigen Projektleiter in Asana eingetragen und Projektbeteiligte per Mail – oder alternativ per Slack – informiert. Einmal auf der Plattform konfiguriert, laufen Abläufe wie diese fortan automatisch. Zugegeben, Zapier ist nicht ganz so erfolgreich wie Slack, kann aber nach 12 Monaten immerhin 146.000 Nutzer vorweisen.

Auch Hardware, also anfassbare Produkte, können nach diesem Prinzip funktionieren. Das smarte Thermostat Nest, der Fitness-Tracker Fitbit oder das E-Auto Tesla Model S lassen sich per technischer Schnittstelle ansprechen. Es können Informationen ausgelesen oder Aktionen ausgelöst werden. Probleme, Wünsche oder Bedürfnisse der digitalen Gesellschaft werden aufgegriffen und durch die Verbindung von Smartphones, Smartwatches, Smart TVs oder anderen an das Internet angebundenen Geräten zur Grundlage einer neuen Idee. Eine Idee, die wertvoll ist und damit auch zur Wertschöpfung beitragen kann.

Was verändert sich bei mir?

Neben dem Vorzeige-Digitalisierer Amazon gibt es viele weitere Unternehmen in und außerhalb der Startup-Welt, die als Vorbild für die Digital-Ökonomie auf das Prinzip digitales Ökosystem passen. Sie zeigen, dass digitale Unternehmen anders ticken. Sie zeigen, dass eine proprietäre Unternehmensdenke ein Nachteil sein kann. Der Egoismus verschlossener Produkte könnte nach den neuen Regeln digitaler Ökosysteme durch eine Art digitaler Sozialisierung abgelöst werden. Es entstehen neue Dinge, die unseren Alltag erleichtern und Spaß machen. Es entsteht ein guter Grund, Produkte käuflich zu erwerben. Produkte und Dienstleistungen können mit kleinen, vernetzten Applikationen schrittweise durch digitale Angebote ergänzt werden. Sie verbessern das Kundenerlebnis und liefern gute Argumente im Wettbewerb.

Quelle: Dieser Artikel ist zuerst am 06.05.2015 im Smarter Service-Blog erschienen.

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