Zukunftsfabrik

Es gibt viel zu verlieren. Fehler im (digitalen) Wandel.

Die digitale Revolution schreitet unaufhaltsam voran und verändert Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft. Um im technologischen Wandel bestehen zu können, muss eine neue Kultur im Umgang mit Fehlern entstehen. Wir müssen wieder lernen zu lernen, Fehler zu machen, damit sich eine neue Kreativität entfalten und Neues entstehen kann.

Du kannst nur gewinnen.

Täglich werden Fehler gemacht. Jeder macht sie – privat, im Beruf, Angestellte oder Unternehmer. Reflektiert man die zweifelsohne kurzweiligen Anekdoten von Letzteren zum Thema, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass gemessen am Erfolg ihrer Unternehmen Fehler von Glücksfällen offensichtlich deutlich übertreffen werden. Fehler sind ein notwendiger Teil im Innovationsprozess. Viele der bekanntesten Gründer sind vor ihrem Erfolg bereits gescheitert. Von den nahezu 100 Unternehmen, die Seriengründer Richard Branson hervorgebracht hat, sind nicht wenige nach kurzer Zeit vom Markt verschwunden. Dennoch gilt Branson als Ausnahmeerscheinung. Dabei liegt seine Methode auf der Hand: Aus mangelnder Angst vor Fehlschlägen beschleunigt er den Prozess des Scheiterns von Vorhaben zu Vorhaben.

Genug ist zuwenig – oder es wird so wie es war.

Nun scheint sich etwas zu bewegen in der deutschen Wirtschaft: Die digitale Transformation ist als Schlagwort der Stunde angekommen und jede Branche startet ihre eigenen Versuche des Wandels. Venture Capital Fonds, Inkubatoren und Accelerator Programme kommen und gehen. Alles ist gut, könnte man meinen.

es-gibt-viel-zu-verlieren-nils-tissen-fig02

Doch auch in Zeiten des digitalen Wandels wird den Ideenstiftern hierzulande noch immer das Leben schwer gemacht. Insolvente Unternehmer werden stigmatisiertund erhalten per Vertrauensentzug eine zusätzliche, soziale Sanktion für ihre gescheiterten Versuche. Die Folge: Fehler werden verschwiegen, neue Ideen werden schlechtgeredet, hinausgezögert und häufig gar nicht erst gemacht. Wir bewegen uns noch immer in einer Kultur des Verurteilens, auf fehlerfeindlichem Territorium.

Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.

Bei der Recherche zu seiner Habilitation “Gescheiterte Innovationen” versuchte Technikhistoriker Reinhold Bauer bereits 2004 mit Unternehmen über ihre Misserfolge zu sprechen. Statt lehrreicher Geschichten und neuer Erkenntnisse erhielt er teils fragwürdige Antworten: Trotz eingehender Recherche könne man sich nicht an innovatorische Fehlschläge erinnern oder man habe diese dank “überlegener Managementmethoden” ausgeschlossen.

Was machte die Managementmethoden der Unternehmen überlegen? Vermeiden sie generell Innovationen, um nicht mit Misserfolgen konfrontiert zu werden oder sind sie einfach nur verschlossen? In jedem Fall eine schwierige Haltung – damals wie heute. Am Beispiel des einstigen Versandhauses Quelle lassen sich die Folgen solcher Vermeidungsstrategien gut nachvollziehen. Dort hatte man bis zur Insolvenz an seinem Geschäftsmodell festgehalten und weiterhin in Kataloge investiert. Im Jahr des endgültigen Scheiterns sorgten Produktions- und Versandkosten in Höhe von über 22 Mio. Euro für das Aus.

Unternehmen brauchen das Selbstvertrauen, um mit zum Teil radikalen Innovationen langfristig bestehen zu können. Selbstvertrauen gegenüber Mitarbeitern mit neuen, disruptiven Ideen. Selbstvertrauen, um auch mal in eine falsche Richtung zu gehen.

Der erste Stein fehlt in der Mauer.

So furchteinflößend die Historie von Quelle auch wirken mag, es gibt Beispiele mit Happy End. Unternehmen beginnen zu verstehen, dass eine technologische Veränderung wie die Digitalisierung auch einen Kulturwandel mit sich bringt. Das Beispiel der bedürfnisorientierten Mobilitätskonzepte verdeutlicht es: Nach nur drei Jahren am Markt fahren Car2Go und DriveNow bereits durch die Gewinnzone und sichern der Automobilbranche damit den Zugang zu neuen Märkten.

es-gibt-viel-zu-verlieren-nils-tissen-fig03

Wirtschaft und Politik blicken nun hoffnungsvoll auf US-Startups, reisen ins Silicon Valley und eröffnen Dependancen im Big Apple um dort zu lernen, wie Innovationen entwickelt werden. “Fail fast, fail often”, “Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus.” – es gibt unzählige Belege und Anekdoten, an denen die Innovationsfreundlichkeit der US-Kultur zu erkennen ist. Diese Toleranz gegenüber Fehlern findet insbesondere im Startup-Umfeld Nordamerikas Anwendung, in dem Managementmethoden wie Lean Startup oder Prozesse wie Design Thinking gelebt werden.

es-gibt-viel-zu-verlieren-nils-tissen-fig04

Die Bemühungen von Politik und Wirtschaft sind ein gutes Fundament. Wieder einmal müssen wir Stein für Stein eine Mauer einreißen, um das digitale Neuland zu formen.

Der Durchbruch ist nah.

Die vierte industrielle Revolution zwingt Wirtschaft, Industrie und Politik zu handeln. Es gilt den Transformationsprozess zu starten, bestehende Modelle zu hinterfragen und Neues auszuprobieren. Eine große Herausforderung, der sich die neue Geschäftsführungsposition, der Chief Digital Officer künftig annehmen muss.

In einem Artikel des Wochenmagazins DIE ZEIT wird Prof. Dr. Bernd Kriegesmann, Innovationsforscher und Präsident der Westfälischen Hochschule, wie folgt zitiert: “Wir denken technikzentriert. Jede Innovation hat soziale Konsequenzen. […] Am besten lernt man aus Fehlern – und am billigsten aus den Fehlern anderer.” Heute, zehn Jahre nach Erscheinen des Artikels, sind seine Worte relevanter denn je.

Wir scheitern jeden Tag und mit uns Projekte, ganze Unternehmen und in der Folge ganze Branchen einer alternden Ökonomie. “Command-and-Control” wirkt sich im Kulturwandel der digitalen Transformation und dem Mangel geeigneter Fachkräfte nachteilig aus. In einer Kultur, die nur nach Schuldigen sucht, werden Absicherungsstrategien gefördert, Eigenverantwortung gemindert und unnötige Ressourcen gebunden. Es mangelt am Selbstbewusstsein für die Umsetzung jener Ideen, die für Innovationen und Wandel zwingend notwendig sind. Es gilt diese Kultur zu durchbrechen und ein kontrolliertes Fehlermanagement zu installieren, damit Fehler als Chance gesehen werden. Als Chance zu lernen, den richtigen Weg zu erkennen und einen nachhaltigen Fortschritt zu erzielen. Die digitale Transformation ist eben auch eine Transformation der Unternehmenskultur.

Dieser Artikel ist zuerst am 21.01.2015 im Smarter Service-Blog erschienen.

Kommentarformular
Antwort abbrechen