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Digitalisierungs-Depression: Wandel trifft auf Mittelstand

Mit dem Ende der CeBIT lasse ich eine spannende Woche Revue passieren. Zwar waren aus meiner Sicht keine großen Würfe dabei, dennoch war sie gut, “meine” CeBIT. Sie hat gezeigt, wie es in Deutschland um die Digitalisierung steht, wo das Interesse liegt und wo eben nicht.

Symptome

So treffe ich in Regine Haschka-Helmers Workshop zum Thema “Innovate or die” auf den abgeklärten Senior-Berater eines international tätigen Hauses für Strategie, Innovation und Technologie. Er sieht sich als aktiver Zuhörer und reichert den zweistündigen Frontalunterricht-Workshop zur digitalen Transformation mit seinen Lieblings-Ängsten an. Von Datenschutz bis Shitstorm, alle Symptome der Digitalitis werden seziert:

  1. “Margenabstinenz”:
    Startups arbeiten mit kleinen Margen und zerstören so den Wettbewerb.
  2. “Gläserne Wände”:
    Digitalisierung lässt unsere Geheimnisse transparent werden.
  3. “Probieraversion”:
    Kunden erwarten fehlerfreie Abläufe, sonst wechseln sie zum Wettbewerb.
  4. “Shitstorm”:
    Wird ein Fehler zum Shitstorm, erleidet das Unternehmen großen Schaden.
  5. “Datenschnupfen”:
    Mit smarten Services werden wir unmittelbar zum Opfer von Hackern.

Wir diskutieren seine Thesen: Ich lerne, wo die German Angst zur Digitalisierung ihren Ursprung nimmt. Ich lerne, warum unser Mittelstand nicht digital werden möchte. Ich lerne, dass manche Innovationsberater lieber Ängste schüren, statt Innovationen zu beschleunigen. Ich folgere: Wir brauchen eine Diagnose, in der die wichtigsten Symptome näher betrachtet und klassifiziert werden. Eine Untersuchung, ob die genannten Symptome der Wahrheit entsprechen.

Ich nehme mir vor, in den kommenden Wochen zu jedem dieser Punkte zu schreiben. Dies hier soll nur die Einführung sein.

Ursachen und Diagnose

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(Bildquelle: Claas KGaA mbH)

Eine These, die sich zweifelsohne bestätigt hat, ist es die Existenz der digitalen Disruption. Branche für Branche, Produkt für Produkt erleben wir mit dem Einzug des Internet der Dinge einen markanten Wandel: Kassensysteme von Orderbird, Traktoren von Claas und abseits der Apple-Fanbase werden smarte Uhren alltagstauglich. Trotz massiven Protests haben smarte Services wie Uber undAirbnb auch in Deutschland Erfolg.

Das Problem hierzulande: Laut einer Studie von Crisp Research haben nur rund 50 Prozent des deutschen Mittelstands eine Strategie, wie mit der Digitalisierung umzugehen ist. Laut der GfK Enigma-Studie glaubt sogar jedes dritte mittelständische Unternehmen, die Digitalisierung sei irrelevant. Rund die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, die Digitalisierung bringe keine neue Absatzmärkte (55 Prozent) oder Wettbewerbsvorteile (46 Prozent).

Dass die Relevanz des Wandels verkannt wird, dass wir bei dieser Diskrepanz weiterhin messehallenweise in der Diskussion um Ängste stecken bleiben und Unternehmen sich hierzulande digitaler Entwicklungen verweigern, das macht mir große Sorgen.

Behandlung

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(Bildquelle: Fitbit)

Wie bei jeder Depression, müssen sich auch bei der Digitalisierungs-Depression die Patienten mit dem Thema beschäftigen und sich darauf einlassen. Die Digitalisierung ist keine rein technische Veränderung. Sie nutzt Technologie, um Verhaltensmuster zu verstehen und Bedürfnisse besser zu bedienen – mit smarter, also über das Netz verbundener Soft- und Hardware.

Eines von vielen Beispielen ist Fitbit. Der Hersteller von smarten Armbändern und WLAN-Waagen, gliedert seine Website in zwei Bereiche: Produkte und Erlebnisse. Erlebnisse, das sind auch hier vernetzte Apps, die eben mehr sind, als reine Technologie. Es sind Applikationen, die meine Routinen und Probleme so gut kennen, dass sie empathisch wirken – empathische Software.

Bevor wir also über unsere Lieblings-Ängste diskutieren, sollten wir damit beginnen, Kunden und Mitarbeiter zu fragen, welche Erwartung sie an ein Unternehmen oder Produkt stellen. Es reicht nicht zu klären, ob der Datenschutz wichtig ist – natürlich ist er das. Stattdessen müssen wir klären, warum wir trotz des Wissens um die Datenverwendung Facebook mit “Likes” und Privatfotos kultivieren oder weiterhin Google Services nutzen. Die Antwort ist einfach: Weil es zu viel Spaß macht, als dass man es lassen könnte.

Unternehmen profitieren, wenn sie das soziale Umfeld, in dem sie agieren, besser kennen lernen und Empathie entwickeln. Meist wird schnell klar, dass die Ängste im Unternehmen im jeweiligen Kontext durch unerwartet einfache Maßnahmen gelöst werden können. Damit ist der Weg frei regelmäßige Abläufe zu digitalisieren, vorhandene Produkte mit Schnittstellen auszustatten und ins Netz zu bringen. Der erste Schritt zur digitalen Strategie und digitalen Entwicklung.

Quelle: Dieser Artikel ist zuerst am 25.03.2015 im Smarter Service-Blog erschienen.